Posts mit dem Label Reisen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reisen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. November 2015

Karpathos


Eine griechische Insel zwischen Kreta und Rhodos.
Breitengrad wie Nordtunesien.
Wenn man weiß wo, wachsen einem dort die Feigen in den Mund.

Pigadia
Mit ihren ehrwürdigen Altertümern machen die hier nicht viel her.
Diese ollen Klamotten werden praktischerweise in den täglichen Lebensvollzug einbezogen.
So steht ein riesiges Baptisterium der frühen Christen mit Treppenstufen zum gefahrlosen Eintauchen in die Ganzkörpertaufe mitten auf dem Spielplatz am Rathausplatz. Die großen und kleinen Kinder haben das Ding schon vor längerem als Müllbehälter durchschaut.

Ein kleiner Spaziergang zum Friedhof und auf den Akropolisfelsen.
Die Gräber sind hier alle aus weißem Marmor. Ausgerichtet zum Sonnenaufgang.
Die Verstorbenen bleiben da nicht lange drin. Schon nach ein paar Jahren werden die „Mieter“ wieder herausgenommen, ihre Knochen gewaschen und in kleinen Holz- oder Blechkisten im Beinhaus aufgestapelt. Mit Foto und beschriftet.
Eins der Gräber beherbergt einen Leslie Underwood. Hier im Januar verstorben. Ohne das sonst übliche Geburtsdatum. Nicht einmal wie alt er geworden war. Steht doch sonst überall auf den Grabplatten.
Sie nannten ihn den "Mechanikos" steht statt dessen auf der Platte. Nichts weiter. Nur R.I.P. Wusste eben keiner was von dem. Also auch nicht seine Mutter, die ihn vielleicht noch am Leben wähnt. Sein Foto zeigt einen traurigen Langhaarigen in mittleren Jahren.
Verdorben. Gestorben.
Ein anderes Grab, ohne jede Aufschrift, zeigt einen bärtigen Mann in den besten Jahren, mit einem erhobenen Glas Wein in der Hand. Der hielt wohl nichts von einer ausgeglichenen Diät, wozu nämlich ein Glas Wein in jeder Hand gehört hätte.
Der marmorne Grabstein ist - ohne das übliche Kreuz oben drauf - senkrecht eingeschlitzt. Durch diesen Schlitz ist eine dünnere Marmorplatte schräg durchgeschoben.
Vermutlich der ortsansässige gottlose Künstler.
Etwas außerhalb der Umfriedung mehrere Holländer, derer mit beschrifteten Kieseln liebevoll gedacht wird:
IK WIL DAT DIE BOUZOUKI HUILT
EN VAN MIJN VERDRIET VERTELT:
PETER, HET GA JE GOED.

Muss ich wohl nicht übersetzen.
Herbstgefühle, nicht unangenehm.
Die Feng-Shui-Chinesen haben wohl recht: zu den Bergen gehört das Wasser. Zum Ausgleich. Macht friedlich.

Orientierungsfahrt über die Insel.
Auf der östlichen Route um dieses Gebirge herum, das sich als Insel getarnt hat, nach Norden. Wilde, wüste Szenerien.
Beängstigend die Steinschlagreste auf den engen Straßen.
Mächtig viel Kurbelei am Lenkrad. Nervt.
Wäre lieber mein eigener Beifahrer.
Für meine Wandergelüste kommt mir heute das meiste zu anspruchsvoll vor. Zu zerklüftet.
Und schon wieder, und immer noch Kurven auf den nächsten 10 Kilometern.
Und dann plötzlich in einer Art Taleinschnitt eine Fata Morgana: Zwischen all dem Fels schwebt pastellfarben ein Dorf gen Himmel: Olymbos.

Nehme ein altes Mütterchen mit 20-Kilo-Sack auf dem gebeugten Rücken mit ins Dorf rauf.  Nach dem zu schließen, wie diese Insulanerin - nach längeren Gestikulationen meinerseits - mit dem endlich entdeckten Sicherheitsgurt um sich dran ran und drum herum wurschtelte, hat die noch nie ein zeitgenössisches Auto von innen gesehen.
(Diese Dorf spricht immer noch einen Dialekt, in dem die Linguisten 3000 Wörter des Dorischen ausmachten. Und die Verbindungsstraße zur Restwelt wurde erst neulich asphaltiert.)
Aus ihrem Sack - Perimenete!“ (Warten Sie.) - habe ich - „Perimenete!“ - drei Feigen – trotz abwehrenden Protests meinerseits – in die Hand gedrückt bekommen.
Irgendwie glaubt man ja wirklich zu träumen, wenn man da in der off - season durch dieses Dorf schlendert. „Das gibt es doch gar nicht!“ bin ich ewig am Murmeln an jeder Ecke. Ein architektonisches Freiluftmuseum.
Und doch, ja, da leben Menschen. Nicht viele, denn die meisten leben in Rhodos, Athen, oder Amerika. Kommen nur während der Saison ihre jetzt geschlossenen Restaurants und Touristenshops zu betreiben, wie mir der Wirt im Café neben der Kirche erklärt.
Das Laptop in Fensternähe und der Fernseher erklären mir, wie er den Winter übersteht.
Ist eine richtige Auswandererinsel, dieses Karpathos. Wenn man sich die aus Steinen bestehenden Äcker von Avlona (oberhalb von Olymbos) ansieht, versteht man das sofort.
Da wachsen - vor allem nach größeren Regenfällen - nur Steine aus den paar Krumen Erde.


Kali Limni (1225)
Heute habe ich mich ins Inselinnere aufgemacht, und das heißt: schon wieder immer rauf.
Dem KIA-Picanto fiel da erst mal gar nichts auf. Mir allerdings die engen und sehr gewöhnungsbedürftigen Ortsdurchfahrten. Man ist schon froh, wenn mal an scharfen Ecken ein Spiegel Einsicht in die gewünschte Fahrtrichtung gewährt. Mehr als ein kleines Auto passt nämlich nicht in die Straße rein und durch sie durch.
Oben auf der Hochebene wollte mich der Mut verlassen beim Anblick des Kali Limni (1215 m).
Da zog nämlich die Stau-Bewölkung demotivierend aus dem Westen über den Gipfel. Ich bin einfach zu alt für so ne Scheiße.
Bin dann aber doch rauf. Sind ja von Lastos aus nur knappe 500 Höhenmeter oder - ich zitiere die Markierung: 1h 31´.
Dass es mir großen Spaß gemacht hätte, kann ich wirklich nicht sagen, aber der Aufstieg über diese unbequemen Kalkgeröll-Pfade zwischen all dem Kameldorn und anderem verdorntem Gebüsch – bloß nicht stolpern und hinfallen! - hat sich gelohnt:
Panorama-Blick über die ganze Insel von Nord bis Süd.

Als neue Sensation an meinen heißen Füßen ist zu vermelden: irgend ein kleiner Teufel versucht, ein glühendes Hufeisen an meinen Fersen zu fixieren.
Bin etwas verstochen an den Füßen. Ist gutes Flugwetter für die Blutsauger, und durch die Cordurastiefel kommen die lässig durch.

Dörferrundfahrt im Süden der Insel.
Wer auch immer die Arbeit erfunden hat - es sollen ihm sämtliche Zähne ausfallen! - ein Grieche war das sicherlich nicht.
Falls du deine Dose Eiskaffee nicht bezahlen kannst, weil der Geschäftsinhaber im Kafenion nebenan Wichtigeres zu tun hat (Tawli spielen!), lege einfach den ausgepreisten Betrag neben die Kasse, und gutt is.

Eine der Dorfdurchfahrten war meiner Ansicht nach nicht passierbar. Der Chauffeur mit seiner Mistkarre von Lastwagen, der sich da unangenehme Dichte verbreitend bemerkbar machte, bewies mir das Gegenteil: enterte mein Gefährt und lotste es millimeterdicht daran vorbei.

Ansonsten eben Herbst: alle Hotels und Restaurants dicht, aber Mandeln, Nüsse, Orangen und Feigen schwer am Fruchten in den Gärten von Pilés, die Frangipani duften überall betörend, und der Hibiskus und die Bougainvillas halten sich sowieso an keine Vorschriften. Okay, ist kein Frühling, aber die Granatäpfel mit ihrem prächtigen Dunkelrot haben es mir schwer angetan.
Zur Erfrischung knülle ich mir ab und zu ein Salbeiblatt und lasse es sich in einem meiner Nasenlöcher spreizen. Ahhh..!
Dann gibt es diese zahllosen Kirchlein mit den zahllosen Heiligen, Schutzpatrone für und gegen alles Mögliche.
Ein „Agios Mammas“ (für die Anliegen der Hirten zuständig) hält seine Audienzen für die Klientel in einer Art Trullo aus dem 9. Jahrhundert gleich hinter Menetés. Den sollen syrische Seeräuber gebaut haben.
Dabei fällt mir ein, die Christen haben bei ihren Raubzügen tatsächlich nie unnötig gemordet. Nur immer dann, wenn all diese anderen partout sich nicht der selben, nämlich richtigen, weil christlichen, Auffassung anschließen wollten. Es hätte denen ja durchaus freigestanden, die richtige Auffassung zu wählen.

Also heute morgen habe ich den hiesigen Metropoliten (eine Art orthodoxer Bischof) gesehen.
Der fährt ein Auto mit Chauffeur … ähmmm, es ist natürlich der Chauffeur, der usw.... und ohne Nummer. Aber mit Wimpel am Stander und dickem MKK hinten drauf.
Wenn der ein bissl was von seinem stolzen Einkommen abgäbe, dann könnte man einen Arbeitslosen in das einzige (und noch dazu inaktive) Kloster der Insel setzen. Und wir Kinder Gottes könnten des Vaters Haus besuchen. So aber gibt es dort nur eine aufdringlich bettelnde schwarze Katze. Meine Pilgerschaft zum "Hl. Georg in den Wäldern" (Agios Georgios Vassón) war also buchstäblich für die Katz´.

Dieser Heilige Georg hat übrigens (auf der Ikone des Kapellchens daneben) hinter sich auf dem Pferd einen kleinen Boy sitzen, mit Turban und großer Kaffeekanne. So ein adliger Killer des Bösen muss natürlich nach getaner Heldentat eine standesgemäße Erfrischung serviert bekommen.
Die Elite ist so. Der Metropolit hat ja auch seinen Chauffeur unfreundlich angeraunzt, als er die kleine Schramme an der rechten Hintertür seines Gefährts entdeckte. Er war sich nämlich ganz sicher, dass er nicht daran schuld war. Wer nix tut, kann nämlich auch nix falsch machen. Da hat er ganz recht.
Übrigens ist meine giftige Erklärung des kleinen Männchens hinter dem Heiligen Schorsch, den es sowieso nie als historisch greifbare Person gegeben hat, von geradezu epiphanischer Klarheit gegenüber den lachhaften Erklärungen der hier zuständigen Ikonographie.

Themenwechsel: Müllproblem.
Den Müll von der Insel wegzuschaffen, würde viel Geld kosten, eine Verbrennungsanlage noch mehr davon. Also landet gar Manches dort, wo es nicht hingehört. Auf den Parkplätzen vor den Dörfern stehen Autos ohne Nummern und rosten was das Zeug hält, seit Jahren vor sich hin. Dito Bagger und anderes Baustellengerät irgendwo am Straßenrand. In den Vorgärten der neuen Häuser rosten gleich mehrere - von der Natur bereits gnädig überwucherte - Fahrzeuge usw.
Aber sonst ist es gleich nebenan in der Wildnis schaurig schön.
Wenn ich einen finde, der mit mir auf halbem Weg der Streckenwanderungen die Autoschlüssel tauscht, komme ich wieder her.

Noch mal volle Kanne schaurig Schönes.
Morgens in eine phantastische Schlucht von Adia rauf nach Lastos hoch, weil der menschenfreundliche Hund, der sich da auskannte, darauf bestand, den Guide bergauf zu machen. Vermute, er will da oben eine Freundin von ihm besuchen.
Er immer vorne weg mit seinem fröhlich klingelnden Halsglöckchen.
Der wusste zum Glück genau, wo es in diesem Verhau aus Oleandern und Felsen lang ging. Konnte allerdings nicht ahnen, dass ich unterwegs schlapp machen würde und auf halbem Wege lieber umkehrte.
Später große Wiedersehensfreude am Eingang der Schlucht. Saust ganz begeistert auf mich zu, als er mich sieht :" Hej, da bist du ja. Hab dich schon die ganze Zeit gesucht."
Wegen treuer Dienste hat er von mir ein Leckerli in Form eines Würstchens gekriegt.

Dann ein weiterer wildromantischer Höhepunkt : vom Feuerwachtturm nach Mesochori und zurück.
Wenn ich mir diesen kargen Fels und den Baumfriedhof vom letzten Waldbrand anschaue und dann über das wieder strotzende Grün nachsinne, wächst bei mir die Gewissheit, dass auch aus mir noch mal was Ordentliches werden kann.
Was lehrt so eine karge Insel?
Öl gibt der Olivenbaum.
Die Traube gibt den Wein.
Gräser und Frauen geben Mehl und Brot.
Ziegen geben Milch und Käse und sich.

Dabei bleibt es seit Tausenden von Jahren hier.
Geschichte kann ruhig wo anders stattfinden.

Bordfunkdurchsage auf dem Rückflug zum Festland:
The German hikers are kindly requested to put their boots on again.“
 Natürlich Quatsch!

Aber den nepalesischen Gastarbeitern auf ihrem Heimflug von der arabischen Halbinsel passiert so was ständig.



Donnerstag, 15. Oktober 2015

Keine mail-Schnippsel aus dem Schweizer Jura


Meine geliebte Gänse - Liesel namens Renate hat nämlich alle diesbezüglichen mails versehentlich gelöscht.
Pech für euch. Denn ich war ja da, und mir wuchs so mancher Apfel der Streuobstwiesen in die Hand.
Und ich war in den Freibergen, einer weit hin schwingenden Almlandschaft.
Und ich war am Doubs, dessen Name Dubitus schon sagt, dass er doch sehr im Zweifel war, wo es denn nun mit ihm hin solle. Irgendwer muss ihm wohl verraten haben, dass er – wenn er so weitermacht – unweigerlich in den Rhein mündet und folglich bei den Deutschen landet. Verständlicherweise geschockt wendete er sich seinerzeit bei St. Ursanne um 180 Grad, um sich doch lieber mit der Rhone zusammenzutun.
Und ich habe mir in Dornach-Arlesheim die am Organischen sich orientierenden Architektureinfälle Rudolf Steiners im Goetheanum und deren Ausstrahlung auf die Umgebung angesehen: für eine Entfaltung der anthroposophisch sich anthropierenden Persönlichkeit kann man nun wirklich jeden skurrilen Einfall halten.
Bizarrerien sind aber nun mal kein Stil.



Eine einzige mail hat sich erhalten.
Bitteschön, kuckstu hier:
Wolkenloses Blau über den sich herbstlich verfärbenden Jurahügeln.

Besuch des "Gnadenorts" Maria am Stein.
Die Hunderte von dankenden Votivtafeln geben keineswegs Auskunft über die Tausende der trotz aller Gebetsstürme dennoch Dahingegangenen.
Diese Stätte des finstersten Aberglaubens ist einerseits ein entsetzliches Zeugnis des verwirrten Geistes, andererseits aber auch eine sehr schöne und eindrucksvoll gelegene, barocke Wallfahrtskirche.
Sogar den Tamilen wird da in ihrer Schrift erklärt, dass der Hahn an dem Kessel da fürs Abfüllen von Weihwasser da ist, und nicht zum Waschen der Hände und Füße.

Dann die Grenzfestung Landskron. Einst unüberwindlich gemachter Zankapfel zwischen den Deutschen, den Eidgenosssen und den Franzosen.
Heute ein Symbol alles Vergänglichen: heute eine Ruine, von der aus man rechts den Schwarzwälder Belchen und den Feldberg sieht,
und links über der Burgundischen Pforte den Elsässer Grand Ballon.
Das Ganze 10 km von Basel entfernt (20 Trambahnstationen) in einer dicht besiedelten Landschaft, in der man wohnen möchte,
wenn man denn der Idee des Wohnens irgendetwas abgewinnen könnte: um jedes Haus kann man herumgehen, und es steht umringt von bebaumtem Grünen.

Am Nachmittag dann ein ebenso rentabler Baselspaziergang.
Herrlich, diese Schweizer Städte, in die noch nie eine einzige Bombe eingeschlagen hat.
Da steht noch alles da wie vor Jahrhunderten, dem Nachbarn abgetrotzt. Edel und gediegen.
Das ehemalige Palais eines Seidenmanufakturisten, heute das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt weist als plastisches Dekor weinende Fratzen auf.
Die Symbolik dieser Inszenierung habe nicht ich erfunden.

Kunst, Kraft und Fleiss, zu Gottes Preislese ich an einem Kirchenfenster.
Und „Jedem das Seine“ an der dortigen „Bürgermeisterei“ und ihrer sich selbst feiernden Gerechtigkeitspflege.
Beidem entnehme ich, dass nichts gegen die Gerechtigkeit beim Verteilen der restlichen Verfügungsmasse spricht, wenn der Herr in seinem Anrecht auf seine gerechtfertigten Forderungen saturiert ist.

Bis dahin gilt aber die längst verloren gegebene und heute wie Hundsdreck behandelte Dialektik: „Menacée parce que menaçant .“

Was wir uns doch alles Schlechtes antun, damit es uns endlich mal gut geht...

Dienstag, 4. August 2015

Stockholmschnippsel

Stockholm
Ich muss reisen,
um die schwedische Dummheit aus mir zu laxieren.“
(Strindberg)

Donnerstag, 16. Juli 2015

Also die Altstadt - sehr hübsch - bin ich schon abgelaufen.
Stockholm ist eine Stadt zum Spazierengehen. Besteht das Gebilde doch aus einem Drittel Bebauung, einem Drittel Parks und einem Drittel Wasser.

In der Gamla Stan steht eine Replik des berühmten Kampfes St. Georgs mit dem Drachen des Lübeckers Bernt Notke. Die wunderbare Scheußlichkeit des Drachen macht einem schlagartig klar, dass das Böse gar nicht fies genug dargestellt werden kann, um das Leuchten des Guten ins rechte Licht zu rücken. Alte Predigerweisheit.
Ein paar Straßen weiter wimmeln die Läden, die sich dem Tourismus anwanzen. In einem offeriert sich eine Plastik aus Gussharz: eine elegant über einen süßen Drachen als Reittier hingegossene Elfe.

Soviel zur Verfallsgeschichte der Drachen.

Amor ging es auch nicht anders: Vom unwiderstehlichen Daimon zur herumfliegenden Amorette.

Die gezähmte Innerlichkeit des Europäers steht in einem unübersehbaren Kontrast zu seinen stets wachsenden Vernichtungsapparaten im Äußeren. Vermutlich korrespondiert das Eine mit dem Anderen.

Bin gut zu Fuß. Bei zufälligen Seitenblicken in die Schaufenster stelle ich mit Entsetzen fest, dass ich mir in der erzwungenen sechswöchigen Ruhepause nach der Operation ja wirklich eine Wampe zugelegt habe.
Au weia!
Und Titten.
Upps!

Hübsch die Parks.
Im Tegnèrpark sitzt beispielsweise ein überlebensgroßer Strindberg aus Bronze als nacktes Genie gewaltig ins Grün gelagert.
Dieser Strindberg (Dramatiker, Romancier, Maler) war - und ist mir - ein sehr wichtiger Rebell. Obwohl er sich einen „theoretischen Frauenhasser" nannte, probierte er im Laufe seines Lebens mindestens drei unterschiedliche Frauen über längere Zeit aus.
So sind halt diese Theoretiker.
Als Grabstein wünschte er sich übrigens einen großen Penis aus rotem Sandstein mit der kurzen Inschrift als Grabspruch: "Hic jacet. Hier liegt er."

Stockholm, Freitag 15:17

Nach einem laangen Spaziergang am wellenschwappenden Wasser entlang, viel Grün des Djurgårdenparks zur Linken.
Hier blühen noch die Hollunder- und die Lindenbäume, das gelbe Labkraut gedeiht prima auf den Granitbuckeln, die Malven sind allerdings ein bissl blass. Sommer in voller Fahrt hier.
Aber unter bedecktem Himmel keine 20 Grad und kühler Wind. Herrlich.

Gar nicht zu vergleichen mit dem Sozialklima auf dem Herflug.
Da hatte ich auf dem Nebensitz wieder diesen berüchtigten "Hier-bin-ich-und-das sollt-ihr-auch merken."
Ich versuchte doch tatsächlich, ihm meine Nieren in seinen spitzen Ellenbogen zu drücken. Aber der war hart im Nehmen.
Ja, und sein Ellenbogen schon auch.

Toll diese Backsteinkirchen hier. Da sieht man die Arbeit, die das Stein für Stein gemacht hat. Und wie das gestaltet ist!
Wenn es nicht gerade um Banken- und Versicherungspaläste geht, werden heute nur noch irgendwelche Fertigteile aus Beton und Glas zu Schuhschachteln zusammengeschustert.
Architektonischer Funktionalismus:die Maßgabe der Maßgeblichen, dass der Sinn im Zweck zu finden sein soll. Unterwerfung als Sinn kam noch nie so nackt daher.
Da hänge ich doch den alten Zeiten nach, wo ein Gestaltungswille mit ästhetischen Neigungen am Werke war. Wenn einer heute was gestalten will, dann kann er das bestenfalls an seiner Figur austoben oder beim Formen irgendwelcher skurriler Eigenheiten seines Charakters.

Komische Leute hier: die gottlosen Lebensmittelangestellten arbeiten auch am Sonntag von 7 bis 22 Uhr.
In ihre Häuser kommst du nur, wenn du einen Code hast. Urinieren darfst du nur, wenn du 5 Kronen (50 Cent) in der Tasche hast und einwirfst, oder von deiner Bankkarte abbuchen lässt. Sie sind hier aber auch mit einem Euro Eintritt ins Pissoir zufrieden. Wieder raus darf man umsonst.

Ansonsten machen die hier ernst mit der Abschaffung des Bargelds: du gehst mit deinem Warenkorb an eine Kasse. Da erwartet dich ein elektronisches Abbuchungsgerät. Kreditkarte einstecken, Geheimnummer eingeben, Befehl losschicken, Karte raus.
Dann kannst du abschieben. Die werben dafür mit dem Spruch, dass es da nicht mehr zu diesem dämlichen "kontanthantering", also dem Rumhantieren bei der Bezahlerei kommt.

Samstag, 18. Juli
Auch den heutigen Spaziergang durch den Stadteil Södermalm habe ich durch 90 % Parks und Haine gelegt.
Man muss sich klar machen, dass Stockholm auf 14 Inseln liegt. Da ist es nie weit zur nächsten Brücke. Die Frage ist eigentlich nur, ob es sich bei dem Wasser da unten um Süßwasser aus dem Mälarensee, oder um das gesalzene Wasser aus der Ostsee handelt.
Schön klatschen beide Wässer an die Felsen. Die zahlreichen Stockholmer Berg-Parks kommen dadurch zustande, dass der harte Kern der Inseln aus vom Eis geschliffenem, buckeligem Urgestein besteht, das immer noch Jahr für Jahr sich hebt. Und da lassen sich schlecht Kellergeschosse draus ausheben. Also wird die Natur ermuntert, da was draus zu machen. Und so entstehen diese Berghaine mitten im Straßengetümmel. Manche sind richtige kleine Fjälls, also baumlose, in den Ritzen begraste Felskuppen.
Der eine oder andere entstand aber auch durch Aufschüttung von Bauschutt und anderem Müll.

Heute Abend wieder ein Orgelkonzert. Das ist das Schöne an Schweden, da ist am Wochenende immer irgendwo in einer der zahlreichen Kirchen ein Konzert.


Montag, 20. Juli
Ökonomie. Eine Wissenschaft, die erfunden wurde, um der oberen Klasse zu sagen, wie man die untere um die Früchte ihrer Arbeit bescheißen kann.“
(Strindberg)

Nynäshamn

Wunderschöner Ausflug an die Küste des südlichen Schärengartens.
Diese rundgeschliffenen Höckerfelsen sehen aus wie Seelöwen und Walrösser, die nebeneinandergestapelt am Hang schlafen. Ihre Schwänze in den Birken und Föhren versteckt. Das hat was, sagt man, wenn man nicht so recht weiß, was einen da ergreift. Es ist wohl das Elementare. Einfacher geht es nicht mehr: Felsküste, Wasser, Erde. Und alles Geformte in seiner individuellen Ausgeprägtheit besteht wie selbstverständlich auf seinem Platz.
Der "Strandvägen": gleich rechts neben ihm beginnt die Wildnis. Schöne Wildnis. Ich bin ganz zufrieden damit, sie mir von außen anzuschauen.
Links die von einzelnen Bäumen gegliederte Meeresfläche. Und ein interessanter Küstenhimmel darüber. Ich bilde mir ein, der ist anders als sonst irgendwo auf der Welt.

Gestern war ich mehr mit Kulturellem beschäftigt: eine Konzertpianistin gab uns reichlich von Skriabin, Brahms, Rachmaninow ...usw. in der Klavierartistik. Fuuuurchtbar. Und meine Mütze hab ich dann auf meiner endlichen Flucht auch noch liegen gelassen.

Über die Mittagszeit war ich in "Millesgården", einem wunderschön gestalteten Ambiente, das sich der Bildhauer Milles auf mehreren Terrassen mit seinen Skulpturen gestaltet hat.
Geht doch! Wusste ich doch, dass es etwas anderes auch noch gibt als den täglichen Stumpfsinn.
Erhebend also.


Dienstag, 22.07
Juchuuu, die Mütze hab ich wieder!
Bin gestern noch mal zu der Kirche gepilgert, wo ich sie liegengelassen hatte, in der Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch da rumliegt.
Nix da, aufgeräumt.
Zum Glück sitzt in diesen Stockholmer Kirchen immer eine Person herum. Die soll wohl drauf aufpassen, dass keiner in die Kirche macht.
Bei diesen Preisen (50 Öre pro Erleichterung) nur zu verständlich. In einem Punkt ist man hier aber sehr entgegenkommend: man darf auch einen ganzen Euro einschmeißen. Das ist bloß fast das Doppelte.

Heute Riesenprogramm, aber mit dem mich begeisternden, genialen Massenbeförderungssystem der Stockholmer war alles drin:

Tyresta-Nationalpark . Zwei Schleifen da herum in vier Stunden, und
Naturhistorisches Reichsmuseum.
Ich habe eine kindliche Freude an diesen Dioramen mit allem, was da kreucht und fleucht und taucht und schwimmt.

War heute sowieso ein naturhistorischer Tag. Der Urwald, durch den ich im Nationalpark taperte, war vor 10 000 Jahren noch von Meer und Robben umspültes und umspieltes Jagdgebiet unserer Vorfahren, die hinter den abschmelzenden Eismassen herwanderten.
War als körperliche Leistung natürlich eher enttäuschend, weil man immer vergleicht mit dem, was mal Unsereinem möglich war.
Aber das Gefühl der Landschaft war das selbe. Deswegen komme ich doch her. Und wenn ich immer nur sauer auf mich bin, weil ich es nimmer so bringe, ist das irgendwie blöd.
Habe ich mich also mit mir ausgesöhnt und hatte einen schönen Tag.

Gestern war bloß ein bissl der hiesige Haga-Park, ein englischer Garten, von dem ganz bestimmte Bilder übrig bleiben werden:
so die grünen Wolken der zweihundertjährigen Linden um den großen zentralen Rasen und der Duft der Lindenblüten, der sowieso schon diese ganzen Tage in der Luft liegt.

Donnerstag, 23.07.

Bootfahrt nach Sandhamn auf der Schäreninsel Sandön.
Das ist eine eher untypische Ferieninsel. Bin überhaupt nur hingefahren, weil auch alle anderen berühmten Leute da waren.

Wie der Name schon sagt, gibt es da mehr Sand als Fels. Also Föhrenwälder mit Blaubeerteppichen für meinen Vitaminhaushalt. Hübsch, da Spazieren zu gehen, und hübsch die Träumen machende Seefahrt dort hin.

Zwei schlimmere Regenperioden gut überstanden. Die eine auf dem Boot und im Bus. Die andere im Nationalmuseum der schönen Künste.
Habe da unter anderem ein Selbstporträt des jungen Rembrandt erlebt: Ecce homo! Manchmal ist man sogar stolz, der selben Rasse anzugehören.

Malen und Schreiben, das ist so eine Art Rebellion gegen die von Managern verwurstete Welt der Information, die die Leute in Formation, also auf Vordermann, bringen soll.

Freitag, 24.07.
Es wäre mir lieber, ein bedauernswerter Reicher zu sein,
als ein Armer, dem man sein aufrichtiges, tiefstes Bedauern entgegenbringt.“
(Christian, der Klotz)
Habe mir den Schlosspark von Schloss Drottningholm (Königinnenschloss) erlaufen.
Schöne Sache das, mit ganzen Flottillen von Wolkenschiffen im Blau drüber, und unten französischer Park mit Chinesischem Schlösschen usw.
Der große Teil, den die Königsfamilie für sich beansprucht war deutlich begrenzt in allen in Frage kommenden Sprachen, auch in fernöstlichem Krikelkrakel. Einen Japaner aber geht das nun mal nichts an, der betritt die Absperrung und wird zu seiner Empörung prompt von zwei Militärs abgeführt.
Verzweiflung der Reiseleiterin, die in flehentlichem Ton ihren Reisegast wiederhaben will. Strenge der Aufsichtskräfte. Am Ende hat sie den Reissaus aber doch wieder gekriegt.

Man sieht: die besseren Herrschaften (von den Königen angefangen bis herunter zu den leibwachtgeschützten Merkels) wissen sehr wohl, dass nicht jeder glaubt, was in der Boulevardpresse über sie zu lesen steht. Ihr Bedürfnis nach Distanz verweist darauf, dass sie mit für sie unerfreulichen Folgen rechnen, wenn sie sich aufführen wie sie sich dem Untertan gegenüber aufführen.

Samstag, 25.07.
Ich weigere mich, mich selbst zu zerstören.“
(Siri Derkert)


Bin also wieder obenauf und am Rumtreiben hier und da : den ersten "Waldfriedhof" (Europäisches Kulturgut), Spazieren auf der Gefängnisinsel Långholmen, und der Besuch im Fotografischen Museum.

Letzteres rundete mein Bild von unserer Zukunft ab: Die machen einfach immer so weiter.
Sind brav und blödeln halt im Zugestandenen herum.

Entsetzlich, wie das Design mittlerweile das Bewusstsein bestimmt.
Stockholm ist DIE Designerstadt. Und bei diesen Fuzzies geht es nur noch um Selbststilisierung und Zelebrierung eines Selbst, was auch immer das jenseits eines Werbeslogans sein mag.
Wenn in einer Straße auf einen Bäcker 10 Friseure, 3 Designerstudios und 2 Wellness-Angebote kommen, drängt sich einem der Eindruck auf, dass der demokratische Staat durch die Entlastung der Millionäre von lästigen Steuern und die ersatzweise Schröpfung des Untertanen an den verbliebenen Stellen offensichtlich verdrängt hat, dass man als Staat und Kapital zwar lässig mehr Geld schöpfen kann, aber nicht die durch Arbeit geschaffenen Werte, an die heranzukommen, auch die Einkommenslosen große Lust haben: Die Zahl der Bettler hat „massiv“ zugenommen. In den Vororten „massieren sich“ die zu Nichtsnutzen erklärten Einkommenslosen.
Der Polizeietat ist in Rekordhöhe geschossen.

Zurück zur Ausstellung von Inez & Vinoodh mit dem - seine eigene pompöse Nichtssagendheit bezeichnenden Titel - „Pretty Much Everything 2015“ in der „Fotografiska“
Unter „Allem“, was da so pretty ist, hat man sich Blumen und elegant hinstilisierte Menschen vorzustellen.

Es ist unglaublich wie kalt und verachtend diese durchgestylten eleganten männlichen und weiblichen Schönheiten sind:
Gleichgültigkeit als Kult.

Schweden ist uns da nur voraus.
Was meine Wut erklärlich macht. Schweden war mal der Vorzeigestaat, wenn es um die wohlmeinende Lüge ging, dass Kapitalismus und lebbarer Sozialstaat sich nicht ausschließen müssen.

Die Schweden haben sich seit Jahrzehnten nach und nach alles nehmen lassen.
Jetzt haben sie nur noch die eigene Körperoberfläche, wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten.
Sie haben halt nichts anderes mehr, an dem sie rummachen könnten, als die jeweilige Facette ihrer "Persönlichkeit", die heute zur Darstellung ansteht.

Sie haben sich alles wegnehmen lassen. Aber die Darstellung der Coolness des Ausgebrannten lassen sie sich nicht nehmen.

Montag, 27.07.
Eine kluge Ratte braucht gar manches Schlupfloch.“
(Strindberg)

Gestern Ausflug nach Norden: Uppsala
Universitätsstadt mit einem beeindruckenden gotischen Dom, in dem einige der hiesigen Könige von ihrer schweren Arbeit des Herumschubsens der Untertanen ausruhen, und eine noch grünere Stadt als Stockholm.
Das Schlossgelände weist eine lehrreiche ältere Bastion auf, die an die Zeiten erinnert, als es noch keinen Schlösserzierat gab, sondern vor dem Volkszorn bergende Burgen.
1527 hatte Gustav Vasa den Einfall, er sei das Oberhaupt aller Katholiken. Der davon in Kenntnis gesetzte Bischof in dem Dom da unten ließ das neue Oberhaupt der Christenheit wissen, dass ihm das vorläufig so was von am Arsch vorbeigehe. Woraufhin Gustav Vasa dem Bischof per Boten Bescheid gab, dass nunmehr die Kanonen der Bastion in einer längeren Reihe auf den Dombezirk gerichtet seien.
Und auf des Bischofs Palast insbesondere.
Wie er nun darüber zu denken gedenke?

Damit war das Luthertum in Schweden eingeführt.

Heute der Höhepunkt einer Wanderung im Tyresta-Nationalpark.
Den wollte im vergangenen Jahrhundert vor seiner Entstehung ein Zündholzmagnat aufkaufen, um daraus Streichhölzer zu machen. Das war die letzte Gelegenheit, bei der die Schweden den Arsch hoch kriegten. Jahrzehntelanger, aber siegreicher Kampf gegen die Verwandlung von „Växtlivet“ (Gewächsleben) in Profit.
Wenn man so sieht, wie das Kapital sich aufführt, wird man automatisch zum Konservativen.
Sieht man den Konservativen bei ihren Gestikulationen eine Weile zu,wird man unweigerlich zum Linken.
Angesichts der Vertretung gemeinsamer Interessen durch Linke, möchte man am liebsten eine eigene Partei gründen.
Nimmt man sein Wissen über die Funktionalität der Parteien im Kapitalismus ernst, hat man keine Lust zur Wiederholung des langen Umwegs zu sich selbst.

Von Nord nach Süd durchquert. Herrlich abwechslungsreich, nicht nur die Licht- und Schattenspiele, sondern auch mal bemooster Fels, mal Moor, mal duftende Kiefern und Birken.

Dienstag, 28. 07.
Der Mensch von heute macht sogar Liebe mit den Waren.“

Skansen.
Das ist jenes beispielgebende Freiluftmuseum über die nationale Gebäudegeschichte, nach dem alle anderen in Europa sich richteten.
Vielmehr war es das.
Als man merkte, dass man es zu nichts bringt, wenn man Häuser und Mühlen und samische Koten in romantischem Ambiente konservierend versammelt, wurde der Bestand mit Folkloristischem und Exotischem aus Afrika massenkonsumtauglich gemacht.

Und die lieben Kleinen sind sowieso die eifrigsten Konsumenten. Also müssen heimische Tiere her, Karussells, Eis- und Würstchenbuden, … halt der ganze Rummel eines Volksfestes.

Tivoli im Kleinen für die Kleinen.

Mittwoch, 29. 07
    Ich stehe unter Observation.
    Man verdächtigt mich klug zu sein.“
    (Strindberg)
    Besuch des
    Vasa-Museums.

Dieses imposante Kriegsschiff war 1628 nach einer Jungfernfahrt von 1, 5 km gekentert und für 333 Jahre im Schlamm versunken. Jetzt gehoben und für mindestens weitere 100 Jahre restauriert.

Jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben dieses Museum besucht haben. Dieses Schiff ist nicht nur eine lehrbuchreife, beachtliche Fehlleistung von Ingenieuren, die wider ihr besseres Wissen dem Wunsche Gustav Adolfs willfahrten, und auf dessen Anweisung hin einen zum Krängen und Kentern verurteilten Wahnwitz losschickten, sondern auch ein ganzes, in das Heck geschnitztes, ideologisches Programm des Herrschertums.
Zu all den nützlichen Lehren, die die Facetten und Sybolismen dieses Staatsschiffs hergeben, zählt auch folgende:
Es gab natürlich eine Untersuchungskommission, die eindeutig die drei Verursacher der leichenträchtigen Angelegenheit herausfand: Gustav Adolf, den Ingenieur und noch einen von der damaligen Elite.
Von einer rechtskräftigen Verurteilung und Hinrichtung dieser nachweislichen Massenmörder ist nichts bekannt.
Der moderne Staat begann also nicht erst bei dem Großen Fritz.

Natürlich ist es blöd, sich zu beklagen oder gar zu kritisieren. Wo man doch der Gott von all dem ist. Und der kann nun mal nichts Unvollkommenes zustande bringen und würde auch nie an seiner eigenen Unvollkommenheit herummäkeln.

Aber sein Herz ausschütten, sich dabei erleichtern...?

Donnerstag, 7. Mai 2015

Kroatische Riviera (Istrien)

Lieber Freund,

darüber gibt es so gar nicht Bemerkenswertes zu berichten.
In diesen perfekten Ferienlandschaften macht man ausgedehnte Spaziergänge, und damit hat sich´s. Und wer für seine Reiseziele warme werbenden Worte findet, der kann sich ja gleich bei der ZEIT oder der FAZ melden.

Trotzdem fliege ich auch nächstes Jahr wieder da hin. Dann aber an die Ostküste. Von Pula rauf bis Opatja.
Hat was Geruhsames.
Und man ist als Tourist in den Händen von Fachleuten. Dieses Istrien dürfte die erste und älteste Ferienlandschaft in Europa sein.
Keine die Sicht verstellende Industrie. Außer einem bissl guten Wein auf Weingärten, die nicht zur Kulturwüste ausarten, und ausser den paar Olivenbäumen wird nur noch der Tourist kultiviert.
Der aber schwört sich, schon allein wegen des dortigen Malvasierweins und der am Straßenrand schmurgelnden Spanferkel, Hammel und Kälber am Spieß wieder hinzupilgern.
Und der Zurechtkultivierte promeniert dann halt brav durch die Vorsaison bei sanftem warmem Aprilregen an der hübschen Küste entlang oder fährt in das nette und liebliche Hinterland mit den alten Ortschaften, um sich Appetit zu machen.
Ja doch, im Kamenjac-Nationalpark am Südzipfel der Halbinsel war ich schon auch. Wie alles andere: lieblich, nett, hübsch.

Nicht ebenso der Gemütsruhe zuträglich: die Gedenkstätte des Partisanen Aldo Negri am Limski-Fjord. Laut Text auf dem Stein ist er 1944 unter dem "Blei der Faschisten" gefallen und seine Kameraden verbürgen sich dafür. Die Version der italienischen Faschisten geht so: als er einsah, daß er in eine tödliche Falle geraten war, habe er sich selbst das Leben genommen. 
Der Ort des Selbstmords weist 10 Meter neben dem Gedenkstein einen krautüberwucherten betonierten Bunker mit Sehschlitz auf !

Da fällt mir doch noch was zu den Istriern ein:
Wusstest Du eigentlich, dass es vormals gar viele und gutmütige Riesen gab?
Kaum zu glauben. Ja wo sind denn die alle hin?
Da gab es seinerzeit fiese kleine Menschen, die konnten die Riesen nicht leiden und vergifteten alle, bis auf einen in jeder Stadt.
Mit dem konnte man dann nach gusto umspringen.
So einer war auch der Veli Jože, der den Leuten immer hilfsbereit gegen den venezianischen Adel zur Seite stand, und auch sonst gefällig zu Diensten bereit stand.
Weshalb man ihn menschlicherseits erst gut fütterte, dann auf Diät umstrukturierte, um schließlich im so erfolgreichen Klassenkampf auf ein Hähnchen pro Tag umzurüsten. Für einen turmhohen Riesen! 
Den Turm zu Motovun, den der Riese aus ohnmächtigem Zorn über diese unverdiente Demütigung ersatzweise geschüttelt und gewürgt haben soll, habe ich selbst gesehen: die zurückgebliebenen Risse im Mauerwerk sind mit starken Eisenklammern geflickt.

Du lachst? Ich halte diesen historischen Bericht für so glaubwürdig wie alle andere Geschichtsschreibung.

Na ja, der kroatische Dichter Nazor, der die Heldentaten des Veli Jože aufgeschrieben hat, kannte halt diese Saubande.

Seither streift der Große Sepp frei, aber ohne bewegliche oder immobile Habe durch die istrischen Wälder.
So ist das nun mal mit diesem Windbeutel namens Geist.
Ort- und zeitlos.

Donnerstag, 23. April 2015

Inselhüpfen 3 (Westliche Kykladen, Frühjahr 2015)


Sifnos 

 

Busfahren auf Sifnos

Griechen machen alles, womit sie erwartungsgemäß durchkommen. Ähneln uns also wie ein Haar dem anderen.
  1. h. Die Welt hat sich nach ihnen zu richten. Im Unterschied zu unseren freiheitlichen Glücksrittern hier-europs räumen sie sich aber einen noch sehr viel größeren Spielraum der Interpretation von Gesetzen ein. Rechtgläubige Menschen, also verwirrte und verführte Orthodoxe, nennen sie deswegen Diebe und Betrüger.
    Weit gefehlt.
    Die Grenze griechischer Zugriffe auf die Welt ist erst der Schlag in seine Fresse, den er erwartet, und alles davor wird eben als souveräner Gestaltungsspielraum ausgereizt. Wenn man ihn nicht hindert, geht er zum Schutze der Heimat mit seinen Alexandern sogar bis Indien räubern, um denen da die Demokratie zu bringen.
    Upps!
    Da ist der Unterschied auch schon wieder weg.

Wenn also der fahrplanmäßige Bus vom Fährhafen Kamares nach dem zentralen Ort Appollonia um 12: 40 nicht kommt, heißt das bloß, dass ein tüchtiger Grieche den Bus geklaut haben muss. Wenn auch der um 13:00 Uhr ausbleibt, weiß ich auch nicht weiter.
Wenn du den Busfahrer tags darauf fragst, warum er denn auch nicht um 15:00 Uhr gekommen sei, muss er sich doch sehr über deinen Mangel an fundamentaler Logik wundern. Gestern landete vor 15:00 Uhr gar keine Fähre mehr an, und zweitens wärst du am selben Tag gar nicht mehr mit dem Bus zurück nach Kamares gekommen.
Ob denn wenigstens, morgen...?
So weit käme das noch! Morgen ist doch Wochenende, und da fahren überhaupt keine Busse.
Und spätestens da fällt dir siedendheiß ein, dass du dich schon im letzten Jahr dieserhalb mit Magengeschichten herumplagen musstest.

Nicht dass in Griechenland nichts funktioniert.
Es funktioniert genau so.
Du musst nur deinen engstirnigen Funktionsbegriff revidieren. Busse – wie alles andere auch – sind dazu da, dass ihre Fahrer versuchsweise sich jenem Ideal eines arbeitslosen Einkommens nähern können, das für ihr hohes Vorbild schon immer Realität war, ist, und sein wird.

Die schlichte Wahrheit aber dürfte sein: der Busfahrer hat ein Abkommen mit den Taxifahrern.

Mit anderen Worten: du haderst und grantelst, weil du so viel Laufen musst zu diesen bombastofantastico Wanderungen!

Dann begann aber der Regen und ein Sturm von der ganz stürmischen Art, der sich bis in den dritten Tag hineinzog.
Beängstigend.
Boréas heißt der, und der entsteht, wenn über der arabischen Halbinsel ein kräftiges Hoch heizt und per Sogwirkung die kalten Luftmassen des Nordens an sich zieht. Da läutet der Boreas orkanartig und ungerufen die Glocken des Kirchleins, schmeißt mit den Motorrädern herum, schubst dich, wohin du nicht willst, bläst dir die Brille von der Nase und pfeift und orgelt unter Ziehung sämtlicher Register. Den Bus schaukelt er wie ich einst den Kinderwagen, um ein Schwesterchen in den Schlaf zu wiegen.
Kurz: du bist Gefangener des Boréas in deiner Bleibe. Zimmerknast.
Legst du dich also mit Naoussa ins Bett.
Nicht, was Du schon wieder denkst: das ist ein delikater Rotwein.


Ein Osterspaziergang auf Milos
Ein beschwerlicher Abstieg durch Macchia zu dem kleinen Fischerhafen von KLIMA.
Erst mal die Botten aus!
Und das gesammelte Stachelzeugs aus den Socken geklaubt!
Beim Leeren der Stiefel plumpst auch ein ziemlich fettes Insekt rücklings auf den Boden. Der hat es hinter sich, denke ich, und entschuldige mich bei ihm: war nicht meine Absicht.
Eine zutrauliche Katze beschnuppert interessiert meine feuchten Habseligkeiten. Müssen wohl mittlerweile ziemlich fischig riechen.
Dann macht sie es sich im Windschatten neben mir bequem.
Die triefenden Hemden in den Wind gehängt. Die zwei herumstehenden Tamarisken eignen sich gut dafür.
Wegen Flüssigkeitsmangel Bier in mich nachgefüllt.

Ja – wass – ist – denn – dass – denn!

Der scheintote Käfer kraucht jetzt auf allen Sechsen, vielleicht noch etwas mühsam und desorientiert herum.
Verschnauft.
Eine Ameise auf Streifzug zupft versuchsweise an seinem rechten Vorderbein. Zum Abtransport in den Bau geeignet.
Das aber macht diesem Lazarus Beine.
Und jetzt sogar Flügel.
Hast du nicht gesehen, weg war er geschnurrt!
Die Ameise sucht ganz verdattert und herum-mäandernd nach dem soeben zum Himmel Gefahrenen. Gerade war er doch noch da.

Ihr wirres Gerede zuhause wird ihr einen Lehrstuhl eintragen. Lieblingsthema: das Unerklärliche. Damit die naseweisen Skeptiker endlich mal den Mund halten würden, wird diese Auferstehungsgeschichte nach großem Vorbild den zentralen Satz vorsehen:
Und da sagte die Katze: Du da, der riecht doch schon.“


Seit über einer Viertelstunde läutet jetzt schon von da oben das Gebimmel der Glocken von Tripiti im holpernden Staccato-Rhythmus.
Jetzt verstehe ich, was das Geläute sagt: Pijäno, Pijäno, Pijäno! Ich gehe, ich gehe, ich gehe.
Gehe ich also.
Über einen Stufenweg rauf zu den Katakomben. Nach Rom die zweitgrößte Anlage. Geschlossen. Aber ein Marienkäferchen marschiert da in der Sonne herum. Pas-chalitza heißen die hier. Und pünktlich zu Pas-cha litzen die hier herum.
Anesti physi.
Alles wieder da.
Ich verstehe, warum die Lazarusgeschichte der Ostkirche so wichtig ist: zu verführerisch das Analogon, das die Natursymbolik mitbringt und widerstandslos hergibt.


Links oben die Zyklopenmauern von Alt-Mylos. Eindrucksvoll erdbebenfest unregelmäßig, aber exakt verfugt.
Unweit davon der Ort, wo man die „Venus von Milo“ gefunden hat. Langweilt sich heute im Louvre. Steht hier als Replik öfter mal in den Vorgärten. Zu meinem Missvergnügen immer mit der Vorderfront dem Betrachter zugewandt. Wo doch gerade ihr Hintern das Schönste an ihr ist.
Endlich oben in Plaka. Da drehen sich gleich bei den ersten Häusern die Schafe und Ziegen an den Spießen. Samt Kokoretsi, also die Leber, die Lungen, das Herz und die übrigen Eingeweide eines Lamms.
Der ganze Ort duftet nach Ostern.